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Zelten im Schnee und Biwakieren auf dem Mond

Ende September wollten meine Freundin und ich in die Berge wandern gehen. Als grober Anhaltspunkt für die Planung dienten die Schweiz und Österreich. Hauptsache ein kurzer Weg in die Alpen. Nach langer Recherche stoß ich auf zwei interessante Wandertouren. Beide sollten mit einer Übernachtung oben auf dem Berg sein, sodass wir dafür jeweils zwei Tage Zeit haben. Dazwischen und danach Ruhetage.

Nach einer langen Anreise nach Österreich und einer kleinen Klettereinheit in der Boulderhalle Steinblock in Rankweil suchten wir uns eine Schlafmöglichkeit in der Gegend. Zufällig trafen wir unseren Kumpel Uwe an diesen Abend an einem Parkplatz, mit dem wir in Kanada über einen Monat auf der Rainer Farm zusammen gearbeitet und gelebt haben. Seitdem haben wir ihn nie wieder gesehen. Was für ein Zufall ihn 600km von Zuhause entfernt hier anzutreffen! Wir verbrachten die Nacht noch auf dem gleichen Parkplatz und am nächsten Tag zogen wir weiter in die Nähe von Davos. Wir vermieden die mautpflichtigen Autobahnen und waren bereits mittags an dem Wanderparkplatz angekommen. Schon Uwe erzählte uns den Abend zuvor, es gäbe in den Bergen auf relativ niedriger Höhe den ersten Schneefall. Und das fiel uns dann auch auf. Auf 2200 Metern lag in diesem Spätseptember schon der erste Schnee und man konnte die winterlichen Geräusche wahrnehmen, als wir knarzend und knirschend über den Schnee auf den Parkplatz fuhren. „Was soll’s“ dachten wir uns und bereiteten unser Equipment entsprechend vor. Mit vielen warmen Klamotten im Gepäck starteten wir die Wanderung durch eine weiße Berglandschaft.

Langzeitbelichtung in der blauen Stunde am Bergsee
Türkis farbener Gletschersee und davor unser Zelt im Schnee

Über die Jöriflüelafurgga auf 2723m ging es im Abstieg entlang einer unberührten und tiefen Schneedecke zu den Jöriseen auf 2490m. Mit durchnässten Schuhen kamen wir an und suchten uns gleich einen Platz, wo wir das Zelt aufbauen können. Auf einem relativ geraden Stück Untergrund hatten wir einen wunderschönen Ausblick direkt am See. Hier war wirklich keiner. Bis auf die vielen Murmeltiere, die wir bereits auf dem Hinweg über den Schnee schleichend beobachten konnten. Wahnsinn! Nach einer kurzen Wärmung im Schlafsack ging es zum Sonnenuntergang an den Jöriflesspass. Dort zeigte sich schon ab, dass es einen schönen Abendhimmel geben wird. Mit meinem Weitwinkelobjektiv konnte ich mehrere Panoramen aufnehmen. Viele davon schoss ich mit einer langen Belichtungszeit, da das Wasser und der Himmel dadurch ruhiger wirken. Herausgekommen sind tolle Ergebnisse, welche nun durch die weißen schneebedeckten Berge ein anderes Muster in der Bildserie „Die Alpen im Panorama“ bieten. Nachdem es schon dunkel war, setzte ich noch meine Idee mit einem leuchtenden Zelt im Schnee vor einer Bergkulisse um. Meine Freundin leuchtete auf Kommando das Zelt für wenige Sekunden aus und ich machte bei Schneefall lang belichtete Aufnahmen. Ich war begeistert von den Ergebnissen. Nun war es wirklich zu kalt und es ging ins Zelt.

Wahnsinns Sonnenuntergang
Wenn das Zelt in der Dunkelheit leuchtet

Am nächsten Morgen klingelte der Wecker 5:30 Uhr und wir bauten in kompletter Dunkelheit das nasse Zelt ab, packten unseren Rucksack und liefen noch ein kurzes Stück, um dann das erste Licht in der blauen Stunde genießen zu können. Die Wolken wurden rot angeleuchtet, der Nebel zog hin und her und der Berg spiegelte sich sehr klar im See. Was für ein schöner Morgen. Nachdem ich auch hier schöne Bilder schießen konnte ging es den gleichen Weg wie am Vortag zurück. Wir konnten über dem Schnee keinen Weg ausfindig machen und orientierten uns an unseren Fußspuren. Als wir am Auto ankamen waren wir erleichtert, die kalte Nacht draußen überstanden zu haben und nun endlich die nassen Klamotten gegen trockene zu tauschen.

Wir genießen die Wolkenfärbungen des Sonnenaufgangs
Anhand unserer Fußspuren vom Vortag orientieren wir uns

Gut gelaunt fuhren wir nun zum Ausgangsort unserer anderen großen Wanderung. Nach einer Nacht zum Erholen starteten wir wieder zeitig. In Scharnitz im Karwendelgebirge ließen wir das Auto stehen. Wir liefen insgesamt 21 Kilometer weit und 1500m hinauf, wobei die Meter nach oben erst in den letzten 3km anfingen. Hier wurde definitiv unsere Kondition abgefragt. Der Himmel war mit Wolken bedeckt, es regnete durchweg leicht und Nebelschwaden zogen durch die herbstlichen Bäume. Ganz allein wanderten wir rund acht Stunden lang. Normalerweise darf man rund 16km bis zur Kastenalm per Mountainbike auf dem Schotterweg fahren und muss dann nur noch hoch laufen. Da wir aber keine Möglichkeit hatten Fahrräder mitzunehmen, mussten wir den ganzen Weg entgegen aller Empfehlungen laufen. Denn alle Tourenberichte schrieben, wer die 21km Hinweg + 21km Rückweg läuft sei selber schuld. Trotzdem konnten wir die bunte Herbst-Landschaft sehr genießen.

Die Isar schlängelt sich durch das Karwendelgebirge
Der Herbst im Karwendelgebirge beginnt

Bis auf einige Jäger auf den ersten Meter trafen wir keine weiteren Menschen. Dafür hatten wir unseren Spaß mit den Gämsen auf dem letzten Drittel Weg nach oben. Die ganze Zeit träumten wir von dem Gedanken, mit der gleichen Leichtigkeit die 51 % steilen Steinhänge mit unserem voll gepackten Rucksack hinauf zu springen. Dem war aber leider nicht so. Mit total nassen Klamotten kamen wir 8 Stunden später nach Aufbruch vom Parkplatz nun endlich an unserem Tagesziel an. Dem Konrad-Schuster-Biwak auf 2495m. Dieses sieht so aus wie eine Kapsel auf dem Mond und hat den Zweck als Notunterkunft für Kletterer. Denn einige Meter entfernt geht es die Laliderer Wand senkrecht hinunter. Spektakulär! Hier hatten wir guten Windschutz und trockneten unsere Sachen. Unterkühlt aßen wir noch schnell etwas zum Abendbrot, ich laß mir die vielen Geschichten und Unterschriften durch, die seit der Einweihung 1971 den Weg in das Buch fanden und dann ging es gleich Schlafen unter Schlafsack und drei warmen Decken. Diese Nacht verbrachten wir ganz allein in diesem Biwak – die letzte Eintragung war vor fünf Tagen. Da dichter Nebel und Regen war konnte man sowieso nicht viel sehen, sodass ich leider keinen Sonnenuntergang vor meine Linse bekam.

Die Biwakschachtel mit deren Umgebung sieht so aus wie eine Mondlandung
Ein Torbogen aus Kalkgestein auf 2500m

Am nächsten Morgen sollte es schönes Wetter geben und ich stellte mir den Wecker auf 5:40 Uhr. Sehr spät im Vergleich zu sonst, da die Sonne Ende September erst nach 7 Uhr auf geht. Ausgeruht konnte ich also gemütlich auf die Laliderer Spitze laufen. Auf dieser 2583m Höhe war es durch den starken Wind eiskalt. Aber immerhin lag kein Schnee, wie die Tage zuvor. Das Karwendelgebirge ist vor allem durch das graue und schroffe Kalk-Gestein geprägt. Trotz dessen hat es eine speziell schöne Art an Landschaft, welche ich an diesem Morgen mit meiner Kamera einfangen konnte. Nach zwei Stunden ausharren auf dem Gipfel – von Beginn der blauen Stunde bis Ende der goldenen Stunde – und einer gefühlt abgefrorenen Hand, ging es zurück in die Metall Box.

An der Laliderer Spitze genieße ich den Sonnenaufgang bei starker Kälte
Letztes Foto und dann gehts zum Abstieg über

Nach einer kleinen Stärkung beim Frühstück stiegen wir die 1500m Höhe wieder ab. Die weiteren rund 18km ging es fortan nur noch gerade aus. Wir ruhten unsere Füße am Quellursprung der Isar aus und kamen mehrere Stunden später erschöpft zurück am Parkplatz an.

Panorama des Sonnenaufgangs an der steilen Laliderer Wand

Zur Bild-Serie „Die Alpen im Panorama“: www.richsart.de/fotografie

4 Gedanken zu „Zelten im Schnee und Biwakieren auf dem Mond

  1. sehr cooler Eintrag! Gefällt mir wirklich sehr gut.
    Die Bilder sind wunderschön und der ganze Ausflug klingt nach einem sehr schönen Erlebnis!
    Vielleicht nehmt ihr mich ja mal mit auf so eine schöne Tour!
    Weiter so und mehr davon!
    #HauptsacheNaturpur

    1. Danke für dein schönes Feedback! Gerne können wir mal gemeinsam eine Wandertour unternehmen. Das Zelten im Schnee fällt aber wohl bei den jetzigen Schneemassen in den Alpen eher aus.

    1. Der Alpenverein sowie andere Quellen schreiben alle vom Konrad-Schuster-Biwak, aber man hört und liest es immer unterschiedlich. Also unter beiden Namen ist das gleiche gemeint.

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